Liebe Freundinnen und Freunde des Straßenkinderprojekts,

Der Freiwilligendienst, den unsere Volontäre in Ghana leisten ist ein Lerndienst. Beim Kennenlernen von Menschen einer anderen Kultur und Sprache, anderer Gewohnheiten und Sitten, beim Mitarbeiten und Unterrichten lernen sie auch sich anders und neu kennen.

Erwartungen und Erkenntnisse fließen deshalb in diesen Brief ein. Tobias Weiss schaut auf sein Jahr in Ghana zurück und die beiden neuen Volontäre Jordan Müller und Simon Radtke schildern uns ihre Erwartungen.

Es gibt darüberhinaus eine Neuerung bezüglich der Rechtsform der Aktion Lichtblicke:
Da bei uns Oblaten (als dem bisherigen Träger der Aktion Lichtblicke) eine Änderung der Trägerstruktur ansteht und es für finanzielle Projektunterstützung, vor allem seitens des Bundes entscheidend ist Verein zu sein und zu bleiben, haben wir uns entschlossen, die Aktion Lichtblicke als selbstständigen Verein in der Rechtsnachfolge der Oblaten weiterzuführen.
Das heißt:
•  Die bisherige Arbeit wird fortgesetzt. Für alle Belange, die das Projekt angehen bleiben, P. Konrad Lienhard und P. Bernd Heisterkamp wie in der Vergangenheit Ihre Ansprechpartner.
•  Sie haben für das Straßenkinderprojekt in der Vergangenheit gespendet. Ihre zukünftige finanzielle Unterstützung können Sie wie gewohnt auf das bisherige Konto überweisen, das die Aktion Lichtblicke vom Orden zum 01.09.2013 als Rechtsnachfolger übernimmt. Lediglich der Kontoname ändert sich geringfügig und lautet dann:
Aktion Lichtblicke Ghana e.V.

Wir danken Ihnen für alles bisher Geleistete, denn ohne Ihre Spende und Hilfe wären wir nicht so weit gekommen. Wir hoffen, Sie unterstützen weiterhin die Kinder und Jugendlichen im Straßenkinderprojekt in Ashaiman und Aiykuma in Ghana. Lassen Sie uns auch weiterhin auf diesem Wege für eine friedlichere und tolerantere Welt gemeinsam kämpfen.

Mit herzlichen und solidarischen Grüßen

Ihre
P. K. Lienhard P. B. Heisterkamp


Hallo Zusammen,

mein Name ist Jordan Müller.
Ich bin 18 Jahre alt und habe 2013 mein Abitur in Übach−Palenberg gemacht. Auf die Frage, was nach dem Schulabschluss geschehen soll bin ich schnell auf die Idee gekommen, ein Auslandsjahr zu machen.

Warum es dann auch noch ein entwicklungspolitisches Jahr werden soll hat mehrere Gründe.

Zum einen hat man Einblick in eine ganz neue Kultur. Man erfährt einen starken Kontrast zwischen dem wohlbehaltenen Leben in Deutschland und dem Leben in einem Entwicklungsland, wodurch man das, was man hat mehr zu schätzen lernt.

Zum anderen hat mich das Projekt selbst sehr angesprochen. Von der Organisation "Aktion Lichtblicke" entsendet arbeitet man mit der Organisation "Rays of Hope Centre" in Ghana zusammen und unterrichtet die Kinder dort, die nicht auf eine richtige Schule kommen und verbringt möglichst viel Zeit mit ihnen. Man ist also direkt am Leben dort beteiligt und erlebt alles hautnah.

Selbst kann man sich also einbringen und helfen und besonders, da das Projekt aus der Arbeit mit Kindern besteht, eine direkte positive Resonanz bekommen.

Natürlich hilft man nicht nur und gibt, sondern man bekommt viel mehr zurück. Sei es Wohlwollen, neue Perspektiven oder neue Erfahrungen.

Alle diese Punkte führen dazu, dass man das Jahr nie wieder vergisst und es einen positiv für das ganze Leben prägt.

Man hat dann etwas getan, worauf man mit Stolz zurückblicken kann. Darum habe ich mich für dieses Jahr entschieden und freue mich sehr auf die Zeit, die ich in Ghana verbringen werde.

Es grüßt Sie Ihr "neuer" Freiwilliger

Jordan Müller


Hallo,

mein Name ist Simon Radtke.
Ich bin 19 Jahre jung, gebürtiger Düsseldorfer und habe in diesem Sommer mein Abitur am Heinrich−Heine−Gymnasium in Mettmann gemacht.

Schon früh stand für mich fest, dass ich nach der Schule nicht unmittelbar studiere, sondern zunächst ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland verbringen will. Diese Zeit soll mir auch zur Orientierung für ein späteres Studium dienen.

Der kirchliche Hintergrund der Organisation und die Arbeit vor Ort mit Kindern und Jugendlichen waren für mich wichtige Voraussetzungen, um mich bei der Aktion Lichtblicke als Freiwilliger zu bewerben. Die Arbeit als Freiwilliger bedeutet für mich auf der einen Seite, dass ich davon profitiere ein Jahr im Ausland zu leben, eine fremde Kultur kennen zu lernen, eine neue Sprache zu sprechen und vor allem selbstständiger zu werden.

Auf der anderen Seite kann ich durch meine Arbeit zur Erreichung der Projektziele beitragen und damit auch etwas zurückgeben von dem, was das Projekt in meiner Persönlichkeitsentwicklung bewirken wird.

Warum gerade Ghana?

Meiner Meinung nach bietet das alltägliche Leben dort einen großen Kontrast zu meinem Alltag hier im wohlbehüteten Deutschland.

Und mir ist es wichtig diese Chance zu nutzen, Wertschätzung zu lernen für selbstverständliche Dinge wie einen gedeckten Tisch, eine Ausbildung oder sogar ein eigenes Auto.

Es grüßt Sie Ihr "neuer" Freiwilliger

Simon Radtke


Reflexionen eines Rückkehrers in spe
Es ist Montagmorgen um sechs. Dunkle Rauschschwaden stehen in der Luft und verbreiten einen schweren Plastikgestank – in meinem Zimmer. Der Nachbar hat wohl wieder seinen Müll direkt neben unserem Haus angezündet und mir das Weiterschlafen somit unmöglich gemacht. Wenn ich mich später darüber bei unserem Betreuer Peter beschwere wird er mir nur entgegnen: "That’s Ghana for you!" − "Das ist Ghana für dich!"
Diese Aussage dient nicht nur zur Erklärung alles Unverständlichen, sie macht mir auch immer wieder bewusst, dass ich kein Ghanaer bin und aus einem anderen kulturellen Umfeld stamme. Warum der Nachbar ausgerechnet an meinem Fenster ein Feuer machen muss und dann auch noch seinen Plastikmüll verbrennt, werde ich nie begreifen. "Das ist eben Ghana für mich."

Nachmittags mache mich auf den Weg zur Arbeit hinein ins geschäftige Ashaiman. Ich halte an einem Obststand an und will 2 Mangos kaufen, bemerke aber, dass ich kein Geld dabei habe. "Ist ok.! Zahl das nächste Mal," sagt die Verkäuferin auf Twi zu mir. Zwei Meter enfernt sind zwei Autos ineinander gerutscht. Die Fahrer gehen aufeinander los, werden aber schnell von den Umstehenden auseinandergezerrt und beruhigt. Das ist eben auch Ghana für mich!

Ich muss spontan an mein Zwischenseminar denken, bei welchem ich die wohl wertvollste Erkenntnis bisher hatte. In einer Diskussion dort trug ich eine meiner Ansicht nach unumstößliche These vor: "Emotionale und irrationale Menschen – unabhängig von Nation und Kultur – sind selten konfliktfähig, da sie die Substanz eines Problems nicht von Gefühlen und Beziehungen abstrahieren und neutral, objektiv bewerten können. Nur das führt schlussendlich zu einem friedlichen Konfliktaustrag.” Ein anderer Volo erwiderte: "Mh...also für mich ist das Gefühlssache – so ein Konflikt." Ich erstarrte. Meint er wirklich, dass er Konflikte emotional angeht? "Führt das nicht zu Willkür beim Konfliktaustrag?” fragte ich ihn. "Emotionen sind doch das erste und wichtigste Steuerelement des Menschen” entgegnete er trocken. Auf einmal verstand ich so manche groteske Situation besonders in Ghana. Ich begriff, dass ich bei Konflikten emotional blind war und somit immer nur eine Hälfte des Problems wahrnahm. Ich bin inzwischen am Centre angekommen und werde freudig von den Kindern begrüßt, die schon ungeduldig auf den Beginn des ITG−Unterrichts (Computerkurs) warten. Ich öffne den Computerraum, jedoch bleibt es bei der Vorfreude unserer Schützlinge, denn just in diesem Moment fällt der Strom aus. Genau: "That’s Ghana for you!"

Spät am Abend steige ich auf den 3. Stock hinauf und lasse meinen Blick über das dunkle Ashaiman bei Nacht schweifen. In der Ferne sehe ich die Lichter der Industriestadt Tema leuchten und links unter mir ruft eine Moschee zum Abendgebet. Ich habe schon viele Ghanaer danach gefragt, warum sich Muslime und Christen hier so gut verstehen, woher diese beispielhafte Toleranz rührt. "That’s Ghana for you" sagt mir ein Christ stolz. Sein muslimischer Freund erklärt: "Die Christen machen doch dasselbe wie wir. Wir rufen zum Gebet, sie schreien beim Gebet. Wir Ghanaer lieben einfach den Frieden und wollen keine Probleme." Ich bin überrascht. "Schlussendlich glauben wir doch alle an den einen Gott!" fügt der andere noch hinzu.

Ja, denke ich, Glaube, Liebe, Menschenrechte sind wohl auch eine innere Einstellung, etwas Emotionales. Ist eben Gefühlssache – das Leben.

Tobias Weiss, Freiwilliger 2012/13