Kobby - oder die zweite Chance

Neulich hatten wir, das sind Alina Holtkamp, Lukas Hünemeyer und Jan−Niklas Dung, die drei derzeitigen Volontäre im "Rays of Hope Centre", ein Meeting mit unserem Chef Jan Mühlenbrink, in welchem er uns die Frage stellte, was unser prägendstes Erlebnis in Ghana bisher gewesen sei. Bild?
Den ganzen Nachmittag grübelten wir drei, schließlich kamen wir zu dem Schluss, dass wir in den letzten 8 ½ Monaten eigentlich viele schöne Erlebnisse hier in Ashaiman, Ghana erlebt haben, jedoch rief ein Erlebnis in uns allen mehr Erinnerungen und Gefühle wach als all die anderen Erlebnisse.

Dieses Erlebnis handelt von Kobby, einem unserer neuen Beneficiaries. Bevor Kobby zum Rays of "Hope Centre" kam, lebte er auf den Straßen von Ashaiman und verdiente sich dort durch das Ziehen und Tragen von Lasten sein tägliches Brot. Sein Zuhause hatte er schon sehr früh verloren, da seine Mutter ihn abgestoßen hatte und sein Vater schon seit längerer Zeit im Gefängnis einsaß.

In dieser verhängnisvollen Zeit traf Kobby auf unseren Streetworker John Tetteh und baute langsam Kontakt zu ihm auf, sodass er in den nächsten Tagen und Wochen immer mal wieder sporadisch im "Rays of Hope Centre" vorbeischaute. Dies war die Zeit in welcher wir persönlich Kobby das erste Mal kennenlernten, doch leider bekamen wir verglichen mit den anderen neuen Beneficiaries im Centre von Tag zu Tag einen immer schlechteren Eindruck von ihm. Beispielsweise spielten alle neuen Kinder immer sehr friedlich zusammen, doch sobald Kobby hinzukam, waren auch die Ruhe und der Frieden vorbei, denn Kobby schlug die anderen Kinder in regelmäßigen Abständen und kam morgens manchmal sogar betrunken ins Centre. Bild?
Dies ging schließlich so weit, dass wir drei Volontäre uns eines Abends zusammensetzten und den ganzen Abend ausführlich über Kobbys Fall diskutierten. Das Resultat unserer Diskussion war, dass es mit dem Jungen so nicht weiter gehen konnte, da er auch die Entwicklung der anderen Kinder beeinträchtigt und stört.
Wir suchten am nächsten Tag unseren Streetworker John Tetteh auf, der uns zu unserer Überraschung aber eines besseren belehrte und uns mitteilte, dass jeder eine Chance verdient hat, so schlecht auch sein Verhalten sein mag. Gerade in Kobbys Fall könne man eine deutliche Steigerung sehen, da er schon in den Jahren zuvor öfters mal im Centre war, jedoch nie den Willen hatte auch dort zu bleiben.
Um ehrlich zu sein, konnten wir in Kobbys Verhalten nicht viel Willen sehen, aber dennoch vertrauten wir den Worten und der langjährigen Erfahrung unseres Streetworkers. So kam es dazu, dass Kobby trotz seines im Vergleich zu den anderen neuen Beneficiaries schon fortgeschrittenen Alters ins "Rays of Hope Centre" aufgenommen wurde, dort einzog und am internen Vorschulunterricht teilnahm. Dabei stuften wir Kobby in das unterste Level ein, weil er weder über Mathe- noch Englischkenntnisse verfügte.
Was er aber besaß war ein eiserner Wille zum Lernen und zum Verbessern. Bild? Dies war einer der ersten Momente in welchen auch wir persönlich auf einmal seinen Willen und Ehrgeiz bemerkten und dieser baute sich in der folgenden Zeit immer weiter aus. So kam es, dass Kobby schulisch der Beste in seiner Klasse wurde und seinen Klassenkameraden bald schon weit voraus war. Aus diesem Grund nahm Jan−Niklas ihn eines Tages beiseite und fragte ihn, ob er schon einmal alle Zahlen von 1−40 geschrieben hatte, woraufhin Kobby dies verneinte, er Jan−Niklas aber unbedingt beweisen wollte, dass er dazu schon in der Lage ist.
So schrieb Kobby ohne Mühe alle Zahlen von 1−40 und dies machte ihm sogar so viel Spaß, dass er immer weiter schrieb und das ehrgeizige Ziel hatte, alle Zahlen von 1 bis zur unglaublich großen Zahl 100 zu schreiben. Je näher er der Zahl 100 kam, desto aufgeregter wurde er, denn noch nie in seinem Leben hatte er alle Zahlen von 1−100 geschrieben.
Die letzten zehn Zahlen von 90 an kamen dem Gefühl eines Olympiazieleinlaufs gleich und als er endlich alle Zahlen geschrieben hatte, war Kobby vor Freude nicht mehr zu bremsen. Bild? Wer jedoch noch mehr Freude über diesen Moment hatte, war Jan−Niklas. Denn eine solche Persönlichkeitsentwicklung Kobbys war für uns einfach unvorstellbar, da er vor ein paar Monaten noch sehr viele Probleme hatte und es geschafft hat, diese Probleme zu überwinden und sich für ein Leben im "Rays of Hope Centre" zu entscheiden. In diesem Moment waren wir alle drei sehr glücklich, dass wir damals von John Tetteh eines besseren belehrt wurden und wir Kobby eine Chance gegeben haben.
Diese Chance hat Kobby erkannt und genutzt und entwickelt sich stetig weiter. Mittlerweile hilft er bereits den anderen Kindern im Centre, passt auf, dass Regeln eingehalten werden und ist weiterhin mit vollem Einsatz und Tatendrang im internen Vorschulunterricht dabei. Abschließend können wir nur unseren Streetworker John Tetteh zitieren, der einmal zu uns gesagt hat: "Wenn wir uns nur den lieben und einfachen Kindern annehmen würden, hätten wir mit unserer Arbeit versagt". Eine Aussage, die wir heute sofort unterschreiben würden, weil es nun einmal die Pflicht eines Straßenkinder-Projektes ist, besonders den Härtefällen eine neue Hoffnung und zweite Chance zu schenken.
Die Herausforderungen, die sich mit dieser Aufgabe ergeben, sind oft "Knochenarbeit" und verlangen uns Volontären sowie den lokalen Mitarbeitern viel Energie ab, umso größer ist dann aber die Freude, wenn die Arbeit sichtbare Früchte trägt.
Dies war eine der bemerkenswertesten Entwicklungen in unserem bisherigem Volontariat und vor allem das prägendste Erlebnis von Jan−Niklas. Kobbys Fall hat uns aber auch gezeigt, dass jeder eine zweite Chance verdient und man niemanden vorzeitig aufgeben sollte.
Lukas, Alina und Jan−Niklas